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Historie


BHS – 50 Jahre Wellpappen Know-How

Zwei große unternehmerische, strategische Entscheidungen, die den Weg für die heutige Marktstellung ebneten

 

Die Geschichte der BHS ist inzwischen 293 Jahre alt und diese kann man nicht in ein paar Zeilen, sondern eher in ein paar Bänden wiedergeben. Wir wollen uns auf die Ära der Wellpappenanlage konzentrieren und zwei Entscheidungen hervorheben, die maßgeblich zum heutigen Erfolg beigetragen haben.


Entscheidung I


Man schreibt das Jahr 1959: Paul Engel besucht die Leipziger Messe, um dort Spielsachen und Skier aus Holz zu vermarkten. Wie bei Messebesuchen üblich wird es am Abend etwas länger und Paul Engel lernt hierbei den Konstrukteur Günther Lau kennen, der vor dem 2. Weltkrieg für die Firma Friedrich Müller Freytag Maschinen für die Wellpappenherstellung konstruierte. Er macht den Vorschlag, dass man doch das Produkt im „Westen“ wieder aufleben lassen könnte und bietet sich an, die zu diesem Zeitpunkt noch offene Grenze gen Westen zu passieren. Zurück in Deutschland, den abendlichen Ausflug längst vergessen, klingelt es nach circa drei Wochen eines sonntäglichen Morgens an der Wohnung von Paul Engel und hier steht Herr Günther Lau mit seiner Familie und den Worten: „Können wir jetzt anfangen?“

 

 

Im Herbst 1959 überzeugt Paul Engel die Bayerischen Berg-, Hütten- und Salzwerke – ein Bayerisches Staatsunternehmen - am Standort Weiherhammer die Wellpappenanlage als Produkt neben Kanal-, Maschinenguss, sowie Straßenwalzen und  Wanderroste aufzunehmen und Günther Lau beginnt, die Wellpappenanlage zu konstruieren. Mit der Produktidee wird Paul Engel auch die Vertriebsleitung für die Gießereiprodukte und der Wellpappenanlage übertragen. Innerhalb eines Jahres wird nun die Wellpappenanlage in einer Arbeitsbreite von 1,60 m vom ersten Zeichenstrich weg entwickelt, konstruiert, gefertigt, geliefert, montiert und dann im Jahre 1961 bei der Firma Stahl in Fleck bei Lenggries / Oberbayern in Betrieb genommen. Die Montage- und Inbetriebnahmeleitung hatte damals das BHS Urgestein Lothar Jobst.

Zu dieser Zeit gab es viele Hersteller für Wellpappenanlagen, die vielen nur noch als Gebrauchtmaschinen bekannt sind (Simon, S&S, Koppers, Langston, United, Peters, Martin, Agnati, MHI und Isowa). Im ersten Jahrzehnt wurden hauptsächlich 1,60 m Anlagen geliefert und der eigentliche Durchbruch gelang dann im Jahre 1968 mit der ersten BHS Superhochleistungsanlage. Die sogenannte S-Serie produzierte in der Arbeitsbreite von 2,50 m und mit einer Auslegungsgeschwindigkeit von 200 m pro Minute. Die erste WPA wurde an die Firma Simon in Hannover (heute Firma Delkeskamp) geliefert. Gleiche Anlagen gingen auch nach Pretoria, Sturovo und Wien. Die S-Serie wurde um die sogenannte N-Reihe („Noch besser“) erweitert, die in der Arbeitsbreite 2,20 m und einer Auslegungsgeschwindigkeit von 250 m pro Minute konstruiert wurde. Diese war im heutigen Sprachgebrauch die „Start-Up“ Anlage für die Unternehmen Schumacher in Ebersdorf und Bauernfeind in Obergrünburg / Österreich.

 

Die folgenden Jahre waren geprägt von technischen Innovationen, wie der erste automatische Rill- und Schneidautomat, der erste Splicer, Einseitige mit Vakuumsystem, die erste automatische Ablage, sowie der erste, direkt mit Elektromotor angetriebene Querschneider, der die bis dahin verwendeten mechanischen Doppelkurbelantriebe mit PIV-Getriebe ablöste. Bezeichnend war auch, dass bereits 1975 eine BHS Einseitige mit Anpressband zum Patent durch Lothar Jobst angemeldet wurde. Diese erreichte ihren Durchbruch aber leider erst 20 Jahre später.

 

Im Jahr 1985 konnte BHS zusammen mit Visy Board erstmals auf einer Wellpappenanlage in 2,50 Meter Arbeitsbreite eine Jahresdurchschnittsleistung von 210 m pro Minute erreichen. Kurz darauf feierte Visy Board mit der 2,80 Meter breiten Wellpappenanlage Weltpremiere. Auch hier dauerte es wiederum circa 10 Jahre bis die nächste Anlage in dieser Breite verkauft wurde – dann allerdings mit rasantem Erfolg. Bis heute sind mehr als 90 Anlagen in 2,80 Metern geliefert und in Betrieb genommen worden. Abgesehen von ein paar kleinen Upgrades läuft die Nummer 1 in 2,80 Meter (aus der Sicht des Lieferanten) leider immer noch mit einer Jahresdurchschnittsleistung von 217 m pro Minute. Hierzu können wir Visy Board und unserem großen Mentor Richard Pratt, der zu unserem tiefen Bedauern 2009 leider verstorben ist, nur gratulieren.

 

Die folgenden Jahre waren insbesondere in punkto der strategischen Unternehmensausrichtung turbulente Zeiten und führten dazu, dass Edmund Bradatsch und Paul Engel ihre eigene Vertriebsgesellschaft für BHS Wellpappenanlagen gründeten und das Unternehmen BHS verließen, aber weiterhin beratend zur Seite standen. Im Jahr 1991 entschied sich der Bayerische Staat, die BHS Werke an den VIAG Konzern (Vorgänger der heutigen EON) zu verkaufen. Die BHS Gruppe wurde als Tochterunternehmen in die SKW Trostberg eingebracht, die den Bereich chemischer Rohstoffe innerhalb des VIAG Konzerns verantwortete. Der Grund war, dass BHS den bekannten Salzbereich „Bad Reichenhaller Markensalz“ sowie sämtliche Industriesalze in seinem Portfolio hatte. Ziel der Integration war es, die SKW Trostberg schnell durch M&A auszubauen und innerhalb kürzester Zeit an die Börse zu bringen. Leider waren die Jahre 1991 bis 1993 nicht von wirtschaftlichen Erfolgen des Geschäftsbereichs der BHS in Weiherhammer geprägt und verhagelten die Konzernergebnisse dauerhaft so maßgeblich, dass der Börsengang mehrfach verschoben werden musste.


Entscheidung II


Im Mai 1993 klingelte das Telefon bei Paul Engel und es meldete sich der Vorstandsvorsitzende der VIAG mit der Bitte, man möge sich doch kurzfristig zusammensetzen, ob seitens Paul Engel und Edmund Bradatsch das Interesse bestände, den Unternehmensbereich Wellpappenanlagenbau inklusive des Standorts Weiherhammer herauszukaufen. Nach den Worten der VIAG wäre die zweite Option den Standort sofort zu schließen. Innerhalb von 3 Monaten wurde ein Restrukturierungskonzept, ein Finanzierungskonzept und ein Übernahmevertrag erarbeitet und am 01. August 1993 die BHS Corrugated Maschinen- und Anlagenbau GmbH durch die Familien Paul Engel und Edmund Bradatsch gegründet. Hierbei erfolgte eine grundlegende Neuausrichtung des Unternehmens hinsichtlich des weltweiten Vertriebs, eine grundlegende Überarbeitung der Technik, die Restrukturierung des Standorts Weiherhammer und eine nachhaltige Verschlankung der gesamten Organisation. Der Umsatz im ersten Geschäftsjahr belief sich auf 65 Millionen DM mit circa 330 Mitarbeitern. Und wiederum war es die Firma Delkeskamp, die unserem Hause treu verbunden war und den ersten Auftrag für eine gesamte Wellpappenanlage platzierte. Die Anlage wurde eine absolute Referenz und sicherlich von über 1000 Kunden aus aller Herren Länder besichtigt.

 

Von da an entwickelte sich das Unternehmen bis heute rasant in punkto Technik,  Geschwindigkeit, Breite, Personal, Umsatz, weltweite Lieferungen, Standorte und vielem mehr. Technologische Innovationen sind vor allem verfahrenstechnisch im Wet-End zu finden, wie zum Beispiel in der Bandbreite der heutigen einseitigen Maschinen mit QF-P, AF-P sowie der weltweit erfolgreichsten Einseitigen mit heute beinahe 800 verkauften Modul Facern, wovon knapp 500 mit Bandtechnologie ausgestattet sind. Zeitgleich wurde sämtliche Elektronik, Elektrik und Software durch Eigenentwicklung ersetzt, was in unserer Industrie bis heute einmalig ist und eine Vernetzung der Anlage erlaubt, die kein anderer Anbieter in seinem Portfolio hat. Nicht ohne Stolz können wir sagen, dass unser verfahrenstechnisches Know-How über die Wellpappenanlage nicht mehr personenbezogen ist, sondern tatsächlich aus Datenbanken abgerufen werden kann. Alle Aggregate wurden seit 1993 mindestens zweimal grundlegend überarbeitet oder neu entwickelt, um den sich wandelnden Marktanforderungen anzupassen bzw. diese voran zu treiben.

 

Wegweisend war auch die fortschreitende Produktivität der Anlagen, von Visy Board kommend, über die erste 400 Meter „Model-Weinfelden“-Anlage bis hin zur weltweit besten Produktivität im Hause Schumacher, die mit einer Jahresdurchschnittsleistung von über 300 m pro Minute und einem weitgefassten Produktmix von schwerer Doppel-Wellpappe bis zu leichtesten Feinfluten gipfelt. Auf annähernd gleichem Niveau befinden sich heute auch Anlagen in den USA und Asien.

 

2002 war das Jahr der ersten 3,30 Meter Maschine für die Firma Prowell und diesmal dauerte der Durchbruch nicht 20 Jahre. Wir können vermelden, dass bereits 7 Anlagen in Europa produzieren und die achte 3.30er Mitte dieses Jahres bei der Firma Scatolificio Sandra angelaufen ist. Auch hier zeigt sich immer deutlicher, dass sich diese Breite nicht nur bei Formatherstellern wie Prowell durchsetzt, sondern auch Anwendung in der integrierten Wellpappenfabrik findet und auch nicht die eigene Papiermaschine mit passender Breite im Unternehmen voraussetzt. Richtigerweise muss man feststellen, dass sich die 3,30 m Arbeitsbreite ideal in der Schnittverplanung zeigen und eine bessere durchschnittliche Arbeitsbreite erlauben als die herkömmlichen 2,50 und 2,80 Meter Anlagen.

 

Seit 1993 hat sich das Personal von ca. 330 Mitarbeitern auf einen heutigen Stand von 1.500 weltweit entwickelt, wovon 600 plus ca. 100 Lehrlinge am Standort Weiherhammer beschäftigt sind. In den letzten 17 Jahren haben wir etwa 500 Schulabgänger ausgebildet und an die unterschiedlichsten Berufsgruppen herangeführt. Wir sehen in der Aus- und Weiterbildung aller Mitarbeiter einerseits den Schlüssel zum Erfolg unseres Unternehmens und andererseits insbesondere für einen Mittelständler in unserer Region einen gesamtwirtschaftlichen und sozialpolitischen Auftrag. Beeindruckend ist zum Beispiel auch die Entwicklung in den USA. Dort hatten wir im Jahre 1993 zwei Mitarbeiter, heute sind dort über 130 Mitarbeiter im Verkauf und Service- und Riffelwalzenbereich tätig.

 

Der Umsatzanstieg war rasant und abgesehen von dem wirtschaftlich sicherlich schwierigsten Jahr 2009 immer wachsend und positiv. Unterschätzt wird oftmals, dass der Riffelwalzenbereich mit seinen 5 weltweiten Fertigungsstandorten fast 30 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet und BHS auch hier Weltmarktführer ist. Für BHS bedeutet dieses enorme Umsatzwachstum tagtäglich, dass nur die Leistung zählt, die man nachhaltig liefert und unsere Kunden sich sicher sein können, dass wir deren Erfolg vollumfänglich unterstützen – mit all unseren Erfahrungen und Ehrlichkeit. 

 

 

Weltweit hat BHS seit 1993 insgesamt 252 komplette Wellpappenanlagen und den gleichen Umfang noch mal in Einzelaggregaten geliefert. Zur tagtäglichen Betreuung der Anlagen wurden bis heute 23 Stützpunkte gegründet, die insgesamt 250 Personen beschäftigen und 24 Stunden an 7 Tagen der Woche einsatzbereit sind. Hierbei sind nicht mitgezählt, alle Mitarbeiter des After-Sales Bereichs in Weiherhammer. Die globale Teileversorgung wird über drei Zentrallager in Weiherhammer, Baltimore / USA und Shanghai / China abgewickelt. Die Entwicklung und Konstruktion erfolgt zentral am Standort Weiherhammer, mit ca. 120 Ingenieuren, Elektronikern und Softwareentwicklern. Die Komponenten werden an vier global verteilten Fertigungsstandorten in Weiherhammer, Tachov / Tschechien, Varazdin / Kroatian und Shanghai / China produziert, in Betrieb genommen und getestet, sowie anschließend an ihren eigentlichen Aufstellungsort zusammengeführt. Anhand einer Start-Up-Kurve werden die Anlagen gemeinsam mit dem Kunden auf Zielproduktivität und Qualität gebracht.

 

Die zwei großen unternehmerischen Entscheidungen von Paul Engel waren sicherlich weichenstellend, allerdings wäre dies nicht ohne all unsere äußerst engagierten Mitarbeiter weltweit machbar, die Unmögliches möglich machen, Vergangenes in Frage stellen und sich neuen Herausforderungen immer annehmen.

 

Somit können Sie gespannt sein, wie wir mit Ihnen gemeinsam die Zukunft gestalten werden.